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Ich bin hier: Home · Springsteen Alben von 1980-1989 · The River






The River






Das Album:
Songs &
Lyrics
The River Zu einzelnen
Songs







Veröffentlichung:
17. Oktober 1980
Aufnahmezeitraum:
April 1979 bis August 1980
Studio:
The Power Station
New York
Label:
Columbia Records
Erschienen auf:
2 LP und 2 CD
Anzahl der Titel:
20
Laufzeit:
82:58

Trackliste CD1:

  1. The Ties That Bind 3:34 Min.
    Songübersetzung
  2. Sherry Darling 4:03 Min.
  3. Jackson Cage 3:04 Min.
  4. Two Hearts 2:46 Min.
    Songübersetzung
  5. Independence Day 4:50 Min.
    Songübersetzung
  6. Hungry Heart 3:19 Min.
    Songübersetzung
  7. Out In The Street 4:17 Min.
  8. Crush On You 3:11 Min.
    Songübersetzung
  9. You Can Look (But You Better Not Touch) 2:37 Min.
  10. I Wanna Marry You 3:30 Min.
    Songübersetzung
  11. The River 5:01 Min.
    Songübersetzung


Trackliste CD2:

  1. Point Blank 6:06 Min.
    Songübersetzung
  2. Cadillac Ranch 3:03 Min.
  3. I'm A Rocker 3:36 Min.
  4. Fade Away 4:46 Min.
    Songübersetzung
  5. Stolen Car 3:54 Min.
    Songübersetzung
  6. Ramrod 4:05 Min.
  7. The Price You Pay 5:29 Min.
    Songübersetzung
  8. Drive All Night 8:33 Min.
    Songübersetzung
  9. Wreck On The Highway 3:53 Min.
    Songübersetzung


Die Charts:
Jahr Album Chart Platz
1980 The River The Billboard 200 1




Im Song-Kanon von Bruce Springsteen gibt es einen Titel, den die Fans gleichermaßen lieben. Wenn klagende, Unheil ankündigende Töne seiner Mundharmonika anklingen, bricht schon nach wenigen Sekunden ein Jubelsturm los. "I come from down in the valley / Where mister when you’re young", singt Bruce; dabei geht er zum Bühnenrand, unterbricht seinen Gesang, hebt die Arme und lässt das Publikum die Strophe andächtig zu Ende singen, als wäre es einstudiert. Ja, das ist The River, so erlebt beispielsweise in der Kölnarena am 13.12. 2007 während der Magic Tour. Vielleicht ist dieser Song seine schönste, weil in jeder Hinsicht vollendetste Ballade.

Während Born To Run und Badlands Standards in seinen Setlisten sind, ist The River, wenn es auftaucht, immer etwas Besonderes. Während der letzten Tour wurde der Song recht häufig gespielt, so in München 2009. Und wer erinnert sich nicht an den dampfenden Bruce beim Festival-Auftritt in Glastonbury (als Bonus auf der DVD "Live in Hyde Park")? Die für mich schönste Version ist allerdings diejenige aus dem Madison Square Garden 2000 während der Reunion-Tour (auf der DVD "Live in New York City").

Das Power-Station-Studio in New York City im April des Jahres 1979: Bruce und seine E Street Band bei den Aufnahmen zum "River"-Album, das – so war es geplant – flott erstellt werden und im frühen Herbst des Jahres erscheinen sollte. Bruce wollte etwas von der "verlorenen" Zeit aufholen, die ihn der lange dauernde Rechtsstreit um seine Musikrechte mit seinem früheren Manager Mike Appel gekostet hatte, weswegen er drei Jahre lang keine Songs aufnehmen durfte und das "Darkness"-Album erst 1978 veröffentlichen konnte.

Aber wieder einmal kam es anders. Trotz aller guten Vorsätze gerieten die Aufnahmen für das Album zu einem epischen Unterfangen von eineinhalb Jahren Länge mit gefühlten Hunderten von Songs und immensen Kosten; die Rede ist von 500000 Dollar! Aber das war es wert: Sein fünftes Album, ein Doppelalbum mit 20 Songs, erreichte die Top-Platzierung in den Charts, und mit Hungry Heart hatte Bruce seinen ersten Top-Ten-Hit. Das Album erschien am 17. Oktober 1980.

Am 03. Oktober 1980 ging Bruce erneut auf Tournee. Sein erstes Konzert spielte er in Ann Arbour, Michigan. Viele Auftritte in der ganzen Welt sollten folgen. Die River-Tour wurde ein zwölfmonatiger Triumphzug für Bruce Springsteen und die E Street Band. Eintrittskarten für die einzelnen Konzerte waren innerhalb von Minuten restlos vergriffen. Im New Yorker Madison Square Garden spielte er vier Mal; die Nachfrage hätte ausgereicht, um die große Halle 16 Mal zu füllen. Am 7. April 1981 gab er in Hamburg (CCH) sein erstes Deutschlandkonzert überhaupt; Konzerte in Berlin (ICC Halle), Frankfurt (Festhalle) und München (Olympiahalle) folgten.  Was ist nun das Besondere an The River?
Bruce besaß bereits starkes Material, mit dem er ins Studio ging. Auf der vorangegangenen Darkness-Tour hatte er schon einige Songs ausprobiert und gemerkt, dass sie "funktionierten". Dazu zählten Point Blank, The Ties That Bind, Independence Day, Sherry Darling und Ramrod, alle zu sehen auf der DVD von Houston-Konzert (1978), das der gerade erschienenen hochgelobten Darkness-Box beiliegt.

Den Schwung von der umjubelten Darkness-Tour wollten sie mit ins Studio nehmen. Im Gegensatz zu den früheren Produktionen wurde eine Vielzahl von Raummikrofonen aufgestellt, um die Band live klingen zu lassen. In seinem Buch "Songs" sagt Bruce dazu: "Ich wollte Songs schreiben, die, gespielt durch eine Bar-Band, gut klingen ... Bei "The River" war ich entschlossen, die Band live spielen, die Musik einfach geschehen zu lassen."

Die musikalischen Stile auf The River könnten vielfältiger kaum sein. Epischer Rock, Pop im Sechzigerjahre-Stil , R&B, Rockabilly, Folk, Country und Soulanklänge.
Zusammen mit den Vorläufern Born To Run (1975), Darkness On The Edge Of Town (1978) ist das Album die Trilogie des Rockmusikers Bruce Springsteen, und zwar deren Höhepunkt. Sie begann mit dem kraftvollen Born To Run und seiner ungestümen Aufbruchstimmung; es folgte das düstere Darkness On The Edge Of Town mit den Menschen in ihrer Existenznot, und jetzt hatte Bruce Lieder geschrieben, die zwar thematisch nicht so eng begrenzt sind, aber von unterschiedlichen Lebensumständen erzählen. Ihre Strophen sind "angefüllt mit ungewöhnlichem Menschenverstand und einer Intelligenz, wie sie eben nur jemand entwickeln kann, der seine Warmherzigkeit und Wachsamkeit in der harten Schule der Straße erworben hat." (Paul Nelson in seiner Albumkritik im "Rolling Stone" vom 11.12.1980)



Mit diesem Album zieht Bruce gewissermaßen Bilanz. Die Geschichten und ihre Figuren nehmen Fahrt auf. Er zeigt sie in wechselnden Situationen, unterschiedlichen Stimmungen. Dass er das Album The River genannt hat, kommt nicht von ungefähr: Es ist der Fluss, auf dem man eine schnelle, erfrischende und hoffnungsfrohe Fahrt machen kann, der wegen Untiefen und Stromschnellen aber auch unerwartete Gefahren birgt. Das Bild des Flusses verwendet Bruce auch später immer wieder gern. Ich erinnere hier an seine "Predigt", der Einführung von Tenth Avenue Freeze-out mit der Bandvorstellung 2000 im Madison Square Garden: "... I want to go to the river of life … river of love, … river of faith … river of hope … river of joy and happiness", um die wesentlichsten zu nennen. All diese "Flüsse" sind in den einzelnen Songs des Albums zu finden.
Weiter schreibt Paul Nelson in seiner Kritik:
"... und es (gelingt) ihm, Vergangenheit und Gegenwart, Wunsch und Wirklichkeit, Lachen und Leiden zu verschmelzen und aus Tod oder Triumph mehr als nur eine einfache Geschichte herauszuholen. Schon auf seinen früheren Alben hat Springsteen mit einer Fülle verschiedener Charaktere aufzuwarten gewusst, und das ist auch hier nicht anders, wobei er diesmal dadurch, dass er größere Zeitspannen bearbeitet, seinen Helden und Heldinnen die Gelegenheit gibt, sich selbst in verschiedenen entscheidenden Phasen des Lebens zu beobachten. Das gibt endlose ... Verbindungen.
Es ist immer wieder beeindruckend, wenn ein Künstler so viele Songs derart zusammenstrickt. Wenn er dann auch noch absolut unterschiedliche Stimmungen nebeneinanderstellt (die Kombination von "I Wanna Marry You" und "The River" ist dabei besonders überwältigend), und mehr als nur ein paar Charaktere in völlig gegensätzlichen Situationen porträtiert, dann ist das schlicht brillant."




The River
Als seine Highschool-Liebe schwanger wird ("she was just seventeen"), stürzt sich der Erzähler in die Ehe. Die Hochzeit besteht lediglich aus dem Gang zum Rathaus, um die Formalitäten zu erledigen, dann herrscht wider Alltag. Der Job als Bauarbeiter in einer lokalen Firma endet mangels Aufträgen in Arbeitslosigkeit. Und die Visionen von Arbeit, Ehe, Familie verschwinden in der Trostlosigkeit des Alltags. Die Zeile "Is a dream a lie if it don’t come true or is it something worse?" ist sicher eine der berühmtesten in einem Springsteen-Song: "Ist ein Traum eine Lüge, wenn er nicht wahr wird oder ist es etwas Schlimmeres?"
Aber die beiden kehren immer wieder zum Fluss zurück, dem Ort der Hoffnung, wo sie sich aufhielten, als sie umeinander warben. Nicht nur Springsteens erzählerische Folkstimme erinnert stark an Hank Williams, Anleihen von Inhalten und Bildern kommen hinzu. The River ist ein Beispiel dafür, dass der Kern der Springsteenschen Musik in der erzählerischen Ballade liegt. Es liegen aber auch lebensechte Situationen der Ballade zugrunde, wie beispielsweise der Zusammenbruch der Bauindustrie Ende der Siebzigerjahre in New Jersey und eigene familiäre Erfahrungen. Bei seiner ersten Live-Darbietung von The River widmete er den Titel seiner Schwester Virginia und ihrem Ehemann Mickey.
"The River gehört vielleicht zu den düstersten Balladen Springsteens, zugleich ist es aber eine seiner humansten", äußert sich June Skinner Sawyers in "Tougher Than The Rest".

Point Blank
Point Blank gehört zu den Geheimtipps vieler eingefleischter Fans, auch ich höre den Song immer wieder gern. Es ist ein Song von einem ziellosen Leben, von bröckelnden Beziehungen und gebrochenen Beziehungen voller Zynismus, diesmal ohne jeglich Hoffnung auf Besserung.
Eine Frau, die in jungen Jahren von ihrem Geliebten, dem Erzähler, verlassen wurde, holt sich nun jeden Monat ihre Sozialhilfe ab, anstatt so zu leben, wie sie es sich einmal erhofft hat. Im Traum fantasiert er, dass sie wieder an ihrem alten Lieblingsplatz tanzen. Erwachend, bildet er sich ein, sie am vorhergehenden Abend im Schatten eines Torwegs gesehen zu haben, aber sein Rufen beantwortet sie nicht, tut so, als sei er ein Fremder. Und dann der paranoide Schlusspunkt. Er stellt sich vor, dass sie erschossen wird ("Point blank, right between the eyes / ... point blank shot through the heart").
Der Song ist eine wunderschön gespielte Ballade. Das sanfte Pianospiel von Roy Bittan vermittelt Schmerz und Täuschung. Springsteens Gesang ist unglaublich intensiv, Verletzlichkeit, Ungläubigkeit und Zorn vermittelnd.

Fade Away
Auch Fade Away ist ein großartiger Song, der live leider nur selten gespielt wird. June Skinner Sawyers schreibt über den Song: "Nie hat Kummer so hinreißend geklungen. Springsteens triste Ballade über eine verlorene Liebe und den verzweifelten Versuch eines Mannes, das wiederzuerlangen, was er einst besaß, ist großartig, einer der besten Songs auf The River."
Dieser Song ist wieder geprägt von Hoffnung, denn, obwohl Vertrauen und Liebe zueinander gelitten haben, ist er trotz aller Verzweiflung nicht bereit aufzugeben.
Der Text ist poetisch und regelrecht anrührend und mit großer Emotion gesungen: "While other girls go out doing what they want to do / You say that you miss the nights when we’d go out dancing / The days when you and I walked as two / Well girl I miss them too / Oh I swear that I do…" ("Während andere Mädchen ausgehen und das tun, worauf sie Lust haben / sagst du, du vermisst die Nächte, in denen wir immer zum Tanzen gingen / Die Tage, an denen wir noch ein Paar waren / Ja, Mädchen, ich vermisse sie auch / Ach, das schwöre, ich …").
Neben dem Chartstürmer Hungry Heart hatte dieses Lied wohl keine Chance zu einer Top-Platzierung (aber immerhin Nr. 20). Zu einer anderen Zeit wäre es möglicherweise ein Hit geworden.

Drive All Night
Das siebenminütige Drive All Night ist ein Lobgesang auf verlorene und wiedergefundene Liebe. Der Song wird getragen von einer leidenschaftlichen Darbietung Bruce Springsteens; kein Wunder, dass besonders Frauen diesen Song sehr mögen.
Der Erzähler fährt die Nacht durch, nur um seiner verlorenen Liebsten so etwas Alltägliches wie ein Paar Schuhe zu kaufen, egal was. Hauptsache, er kann alles wieder gutmachen und ihre Liebe zurückgewinnen, und er sehnt sich danach, wieder in ihren Armen zu schlafen.
"I swear I’ll drive all night just to buy you some shoes / And to taste your tender charms. / And I just wanna sleep tonight again in your arms."
Textlich und musikalisch erinnert der Song sowohl an Born To Run als auch an Darkness On The Edge Of Town. Das lange Saxofonsolo in der Mitte passt dazu. Insgesamt gesehen ist der Inhalt jedoch optimistischer. Der Erzähler kommt mit seiner entfremdeten Geliebten wieder zusammen, den Gefahren trotzend, die ihnen begegnen.
Kein Wunder, dass dieser romantische, kraftvolle Song für die Fernsehserie "Cold Case" ("kein Opfer ist je vergessen") ausgewählt wurde. In einer Episode von 2006 wird Drive All Night mit großem Effect verwendet, um die Verzweiflung eines der Charaktere zu veranschaulichen.

Die Inhalte der Songs auf dem Album sind scheinbar widersprüchlich, und so recht bleiben sie keinem Thema treu, offensichtlich ein Ausdruck der Gefühlswelt des damaligen Springsteen, der seinem Biografen Dave Marsh erzählte: "Auf dem Album habe ich lediglich gesagt: Ich verstehe diese ganzen Dinge nicht. Ich kann nicht erkennen, wie sie in das ganze Muster hineinpassen. Ich kann nicht erkennen, wie diese Dinge funktionieren sollen. Es war nur die Situation, mit all diesen Widersprüchen zu leben. Und so passiert das eben. Eine Lösung gibt es nicht."

Auf diesem Album erweist sich Bruce Springsteen wieder als großartiger Geschichtenerzähler. Die Sprache ist einfach, alltäglich, manchmal banal, zumindest auf den ersten Blick, aber auch bildhaft, teilweise geheimnisvoll. Sie muss im Gesamtkontext mit jener Zeit, seiner Musik und seinem wahrhaftigen Gesang gesehen werden.

Ich hoffe, dass dieser Artikel vielleicht dem einen oder anderen hilft, das Album neu zu entdecken. Mir jedenfalls ist es so ergangen.

von Rüdiger Uetzmann









Credits
 
Joel Bernstein
Photography
Roy Bittan
Keyboards, Organ, Piano, Vocals (Background)
Bob Clearmountain
Engineer, Mixing
Clarence Clemons
Percussion, Saxophone, Vocals, Vocals (Background)
Nils Dorfsman
Engineer
The E Street Band
Group
James Farber
Assistant Engineer
Danny Federici
Organ, Vocals
Amanda Flick
Photography
David Gahr
Photography
Barry Goldenberg
Photography
John Wesley Harding
Composer
Jeff Hendrickson
Jimmy Iovine
Engineer
Howard Kaylan
Guest Artist, Vocals, Vocals (Background)
Jon Landau
Producer
Ken Perry
Mastering
Chuck Plotkin
Mixing
Garry Rindfuss
Assistant Engineer
Toby Scott
Mixing
Bruce Springsteen
Bass, Composer, Guitar, Guitar (12 String Electric), Harmonica, Piano, Primary Artist, Producer, Vocals
Frank Stefanko
Cover Photo, Photography
Garry Tallent
Bass, Horn
Steve Van Zandt
Guitar, Producer
Steven Van Zandt
Guitar, Producer, Vocals
Mark Volman
Guest Artist, Vocals, Vocals (Background)
Jimmy Wachtel
Art Direction, Design, Photography
Max Weinberg
Drums
Raymond Willhard
Assistant Engineer
 
 



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